Postdoc – Wartezimmer oder Hoffnungsraum?

Der erste „Tag der Nachwuchsforschung“ an der Fakultät für Sozialwissenschaften widmete sich den vielen Facetten des Übergangs von der Prae- zur Postdoc-Phase

Am 6. November veranstaltete die Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien erstmals den „Tag der Nachwuchsforschung“. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion trafen erfahrene WissenschafterInnen auf den wissenschaftlichen Nachwuchs, um Strategien, Erfahrungen und Unterstützungsmaßnahmen während des Übergangs von der Prae- zur Postdoc-Phase aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Außerdem wurden ausgezeichnete NachwuchswissenschafterInnen bei der Verleihung der Sowi.Doc-Awards in den Mittelpunkt gerückt und erfolgreiche Postdoc-Projekte im Rahmen einer Posterausstellung präsentiert.

In ihrer Begrüßung unterstrichen Dekan Hajo Boomgaarden und Birgit Sauer, Vizedekanin für Nachwuchsförderung und Internationales, dass der Fakultät für Sozialwissenschaften die Situation von NachwuchswissenschafterInnen in der Prae- und Postdoc-Phase ein zentrales Anliegen sei. „Um die Arbeitsbedingungen und Forschungsleistungen von Doktoratsstudierenden und Postdoc-MitarbeiterInnen an der Fakultät gleichermaßen in den Mittelpunkt zu rücken, wurde der frühere ,Tag des Sowi-Doktorats‘ vom ,Tag der Nachwuchsforschung‘ abgelöst,“ erklärte Boomgaarden.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Gerit Götzenbrucker, Vizestudienprogrammleiterin Doktoratsstudium Sozialwissenschaften, betonte in ihrer Begrüßung, dass beinahe die Hälfte der Doktoratsstudierenden eine wissenschaftliche Karriere anstrebe. Schlussendlich könne das aber nur jede/r dritte von diesen realisieren.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Maximilian Fochler, assoziierter Professor am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung, gab in einem kurzen Input Denkanstöße für die anschließende Podiumsdiskussion: Erstens müsse man bedenken, dass das Antreten einer ersten Postdoc-Anstellung noch keine endgültige Entscheidung für oder gegen eine wissenschaftliche Karriere darstelle. Vielmehr sei die Postdoc-Phase an sich schon eine Übergangsphase und gerade in den Sozialwissenschaften sehr unklar definiert. Aus diesem Grund sollte parallel immer auch über alternativen Zukunftsperspektiven nachgedacht werden.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Zweitens sei die Postdoc-Phase unweigerlich mit Reibungsflächen zwischen individuellen Interessen und institutionellen Rahmenbedingungen verbunden. „Während NachwuchswissenschafterInnen in der Postdoc-Phase zunehmend Unabhängigkeit anstreben, müssen sich deren Laufbahnen in institutionell gewachsene Hierarchien eingliedern,“ so Fochler. Drittens und letztens sei es wichtig, die Postdoc-Phase auch als eine persönliche Lebensphase zu begreifen, in der man sich selbst Fragen über seine eigenen Vorstellungen und Wünsche stellen sollte: Warum möchte ich überhaupt als Postdoc arbeiten? Und was macht ein gutes Leben für mich aus?

In der anschließenden Podiumsdiskussion griff Moderatorin Eva Kössner vom Graduiertenzentrum Sozialwissenschaften zunächst das Thema der unklaren Grenzen der Postdoc-Phase auf und befragte das Podium, was den Übergang von der Prae- zur Postdoc-Phase inhaltlich ausmache und wie man diesen zeitlich fassen könne. „Warum spricht man überhaupt von einem Übergang von der Prae- zur Postdoc-Phase, wo doch das Ende der Praedoc-Phase mit der Promotion sehr genau festgemacht werden kann?“ so Kössner.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Birgit Sauer führte aus, dass der Weg von der Prae- in die Postdoc-Phase deshalb einen Übergang darstelle, weil NachwuchswissenschafterInnen von einem Status in einen anderen wechseln. In den meisten Fällen sei die Postdoc-Phase viel unüberschaubarer und prekärer als die Praedoc-Phase, und wenn man sich dafür entscheide, treffe man bewusst eine Entscheidung für einen unsicheren Weg. „Aber um diese Entscheidung treffen zu können, muss ich wissen, was mich erwartet und welche Wünsche ich habe,“ betonte Sauer. Unterstützungsmaßnahmen für den Übergang in die Postdoc-Phase, so die Vizedekanin, müssten vor allem auf Fakultätsebene angesiedelt sein – auch, da die einzelnen Institute je nach Größe sehr unterschiedlich ausgestattet seien.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Nadine Strauß, Universitätsassistentin (Postdoc) am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, sagte, dass bei ihr dieser Entscheidungsprozess schon im zweiten Jahr des Doktoratsstudiums in Amsterdam begonnen habe. Gerade weil sie sich zu dieser Zeit eigentlich für den Gang in die Wirtschaft entschieden hatte und dort in Folge auch für einige Monate Praxis sammeln konnte, sei ihr bewusst geworden, dass sie ihre Zukunft eher in der Wissenschaft sehe. Sie betonte außerdem, dass für sie in der frühen Postdoc-Phase, in der sie sich aktuell befinde, neben Mentoring-Programmen vor allem die in den letzten Jahren aufgebauten Netzwerke wichtig seien. „So kann ich heute auf das Wissen von Postdocs zurückgreifen, die schon weiter als ich sind,“ verriet Strauß.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Für ihn sei es besonders schwer, diesen Übergang zu fassen, da er sozusagen gerade mitten drin sei, erklärte Daniele Karasz, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie. Während er auf die Begutachtung der Dissertation wartet, arbeitet Karasz aktuell in einem drittmittelfinanzierten Projekt. „Es ist eine Phase der Unsicherheit und der Abhängigkeit von Anderen, und währenddessen soll ich die Entscheidung treffen, ob und wie ich mich für Postdoc-Positionen bewerbe.“ Gleichzeitig würden die Unterstützungsangebote rarer. „Es macht wohl auch die Postdoc-Phase aus, dass es keine unmittelbare Mentoringperson mehr gibt,“ so Karasz.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Auf die Frage, ob er auch weniger fortgeschrittenen Doktoratsstudierenden schon zu einem Plan B rate, erklärte Maximilian Fochler, dass es nicht unbedingt darum gehe, sich eine komplette Alternative zum Verbleib in der Wissenschaft zu überlegen. „Es ist wichtig, sich früh genug Gedanken darüber zu machen, wie sich Plan A und B zueinander verhalten und wie sie zueinander artikulationsfähig sind. Für viele ist die Frage des Impacts der eigenen Forschung ja sehr wichtig und hier muss man Zeit investieren, um sich zu überlegen, wie kann ich das, was ich mache, auch außerhalb der Wissenschaft produktiv zum Einsatz bringen,“ riet Fochler.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

 

Im Anschluss an die Podiusmdiskussion und Publikumsfragen wurden die in diesem Jahr erstmals ausgeschriebenen Sowi-Doc.Awards verliehen. Die Fakultät zeichnet mit diesem Preis herausragende Forschungsleistungen im Rahmen einer Dissertation mit jeweils € 1.500 aus und motiviert NachwuchswissenschafterInnen für eine weitere wissenschaftliche Laufbahn. Kathrin Karsay (Publizistik- und Kommunikationswissenschaft) und Lucy Kinski (Politikwissenschaft) nahmen ihre Preise persönlich entgegen. Preisträger Georg Kanitsar (Soziologie) war trotz Abwesenheit mit einem Poster in der Postausstellung vertreten.

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Tag der Nachwuchsforschung 2018

Eindrücke von der abschließenden Posterausstellung

AusstellerInnen (Postdoc-Projekte):

Judith Ehlert, Institut für Internationale Entwicklung

Raimund Haindorfer, Institut für Soziologie

Antje Koller, Institut für Pflegewissenschaft

Monika Palmberger, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie

Jeremias Stadlmair, Institut für Politikwissenschaft

Nadine Strauß, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

Nina Witjes, Institut für Wissenschafts- und Technikforschung

Permanente Ausstellung der Poster vom Tag der Nachwuchsforschung 2018: Neues Institutsgebäude (NIG), Universitätsstraße 7, 1010 Wien, 6. Stock, Stiege III

Eine Veranstaltung des Graduiertenzentrums der Fakultät für Sozialwissenschaften. (Fotos: © Universität Wien/Barbara Mair)